ERFÜLLTE ZEIT

Bei der Beschäftigung mit dem Begriff “Zeit” fiel mir ein Gedicht aus der Schulzeit ein: „Der Mönch von Heisterbach von Wolfgang Müller. In diesem Gedicht klingt an, dass der Ewigkeitsbegriff als Zeitbegriff nicht vorstellbar ist und es darum unnötig ist, darüber nachzudenken, weil er eben mit unseren Sinnen, die auf Erfahrung abgestimmt sind, nicht erfassbare ist

Darin wird beschrieben, wie ein junger Mönch über den Apostelausspruch nach sinnt: “Dem Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag”, sich dabei in den Wald verliert, und als er schließlich wieder zur Klosterpforte zurückkehrt, nicht mehr erkannt wird. Er überblickt der Mönche Reihen, doch dort sitzen ihm Unbekannte. Durch Nachforschen stellt er fest, dass er vor dreihundert Jahren verschwand. Der schrecken lähmt ihn, heißt es weiter, er sinkt dahin und ist dem Tod geweiht. Sterbend mahnt er: „grübelt nicht über Ort und Zeit, denkt meinem Schicksal nach.”

Die reine Zeit, leer und unerfüllt, ist als solche ebenso wenig anschaulich oder vorstellbar, wie der unerfüllte Raum. Für uns Menschen sind immer nur Geschehnisabläufe in der „Zeit, das heißt zeitlich Begrenztes, Zeit Verbrauchendes, Zeitliches begreifbar, weil unsere Sinne auf Erfahrung, auf Messbares, auf Begrenzbares aufgebaut sind. Und so halten wir uns auch in der Messung der Zeitabläufe analytische Geschehensabläufe unseres nächsten Universums, in dem sich unser Leben abspielt. Wir nehmen die Umkreisung der Erde um die Sonne für ein Jahr und die Erdumdrehung um die eigene Achse für einen Tag oder vierundzwanzig Stunden. Diese von uns geschaffenen Zeitmaße nennen wir die objektive oder mathematische Zeit oder kurz: Kalenderzeit.

Wir kennen aber auch andere Erscheinungen, manchmal werden sie uns ab und zu gewahr, die wir mit dem Begriff der “subjektiven Zeit” oder gar mit. „innere Zeit” belegen. Es ist der Zeitablauf, den wir bewusst erleben, die sinnliche Wahrnehmung des ständigen Durchwanderns von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Letztere wird durch unser Gedächtnis als Erinnerung (je nach Erlebniseindruck mehr oder weniger) reproduziert.

Die Zukunft ist vielen lebendig vorstellbar als Erwartung, manches Mal auch als geplante Erwartung.

Die Gegenwartszeit, auch Präsenszeit, ist der unmittelbar empfundene Zustand, in dem sich unsere eigentliche Lebensteilnahme abspielt.

Unsere Gedanken wandern, ähnlich wie in einem Grenzverkehr, manchmal in die Ver­gangenheit oder schon in die Zukunft und sind oft nur kurze Augenblicke in der Präsenszeit. Dies wird je nach Alter und Veranlagung verschieden sein,

Die subjektive (innere Zeit) läuft nicht oder muss nicht mit der objektiven Zeit (Kalenderzeit) synchron laufen, das heißt die Geschwindigkeit des erlebten Zeitablaufes weicht von der des objektiven Zeitablaufes ab. Diese Erscheinung ist jedem irgendwann gewahr geworden. Die Zeitspannen werden verschieden lang erlebt. Kindheitszeitabschnitte erscheinen zum Beispiel länger, im Rückblick erscheinen leere Zeitabschnitte kurz, erfüllte Zeitabschnitte lang. Im Augenblick des Erlebens ist es umgekehrt. Der Mensch hat sich daran gewöhnt, seine Lebensdauer und die der anderen Wesen auf die Kalenderzeit zu beziehen, aber diese Zeit, für Wissenschaften wie Mathematik, Physik und andere unentbehrlich, hat schon immer für den Menschen etwas Fremdes, Berechnendes, schicksalhaft Starres an sich. Die sogenannte innere Zeit steht uns näher, sie ist für jeden „seine Zeit”, denn es ist der Geschehensablauf, der unsere Leben ausmacht.

Der Reichtum unseres Lebens, also die Länge der inneren Zeit, wird nicht durch die Zahl der abgelaufenen Kalenderjahre, sondern durch die Fülle der erlebten „Geschichte” ausgedrückt. Dabei zählen zur erlebten Geschichte alle gespeicherten Erlebnisse, Gefühle, Freuden, Leiden, unser Schaffen und wirken. Und jeder von uns hat eine „gelebte” Geschichte. Im Gegensatz zu der messbaren Kalenderzeit haben wir für die Länge der inneren Zeit kein Maß, wir haben nur Vergleichsmöglichkeiten.

Kritisch betrachtet, wird uns bei Beginn, aber auch während unseres Lebens eine schwierige Aufgabe zuteil:

Die uns zur Verfügung gestellte Zeitspanne, welche ohne Erfüllungsgewähr geliefert wird, nach unseren optimalen Möglichkeiten auszufüllen. Wenn wir die Lebensspanne mit einem unbelichteten Film vergleichen, der vom ersten Tage an läuft und einmal zu Ende sein wird, kommt uns unsere bedrängte Lage zum Bewusstsein.

Wir sind oft sehr geneigt, uns von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag treiben zu lassen, uns in Pläne anderer zu fügen, anstatt unseren Möglichkeiten durch einen selbst erstellten Plan eine sinnvolle Erfüllung zu geben. Sinnvolle Erfüllung der Lebenszeit heißt aber nicht nur den Leerlauf auszuschalten, sondern heißt auch eine Arbeits- und Lebenseinstellung zu finden, die unserer Individualität angepasst ist und die unserem Leben den höchsten möglichen Wert bringt.

Wir haben auf einigen Gebieten beschränkte, auf anderen viele Möglichkeiten, wir haben in bestimmten Bereichen Talente und Fähigkeiten. Wir selbst müssen diese herausfinden und uns entscheiden und aus den besten Möglichkeiten unsere beste Wirklichkeit machen. Fragen wir uns daher, in welchem Lebensalter und in welcher Lage wir uns auch immer befinden:

Was sind unsere Ziele und Wünsche? Wo liegen unsere Aufgaben? Wo können wir optimale Leistungen bringen? Was möchten wir gerne tun, was gerne sein? Wohin möchten wir gehen, wo bleiben? Welches Einkommen brauchen wir für uns, unsere Familie und um dies zu tun, was wir gerne möchten?

Eines Tages wollen wir auf die Geschichte unseres Lebens mit Freude zurückblicken können und mit dem Gefühl, einen Beitrag zu unserem Zeit- und Lebensabschnitt geleistet zu haben. Darum dürfen wir unsere Zeit nicht vergeuden, müssen unsere „innere Zeit” mit Lebenswerten füllen, indem wir die Gegenwart bewusst leben und erleben.

 Darum “Achtet des Einzigen das Ihr habt! Die Stunde die jetzt ist.”