Suche nach Glück

Die Frage nach dem Glück, die Sehnsucht danach, sie ist uralt, aber diese Frage ist nie befriedigend gelöst worden und der Begriff „Glück” ist nie zufriedenstellend definiert worden!

Seit es Menschen gibt, haben viele Unglückliche, vielleicht auch manche Glückliche über das Glück nachgedacht, und wo es Weise und Philosophen gab, da gab es auch das Suchen um das rätselhafte Glück, so wird es auch weiterhin bleiben!

Vor etwa 2½ Tausend Jahren gab es in Griechenland einen weisen Mann:

Demokrit (460 v. Chr.), der eine Ethik begründete, die das „Glücksverlangen“ (Eudämonismus) zum Mittelpunkt hatte! „Das Glück wohnt in der Seele” so sagte er” und eine durch maßvolle und gleichmütige Handlung zu erlangende Glückseligkeit sei das höchste Gut; am besten sei es daher für den Menschen, das Leben so viel wie möglich wohlgemut und so wenig wie möglich vergrämt zu verbringen!“

Etwa um 330 v. Chr. konnte man am Rande von Athen einen Garten finden vor dem geschrieben stand: „Fremder, hier ist ein guter Ort, hier wird nichts mehr verehrt als das Glück!“ Es war der Garten des Epikur, der eine Schule der Glückssucher begründete; von ihm stammt der Satz: „Jedes Lebewesen strebt, sobald es geboren ist, nach Lust und freut sich daran als dem höchsten Gut, während es den Schmerz als höchstes Übel vermei­det!” Aber auch Epikur erkannte bald in den vermeintlichen Glücksquellen eine Problematik und Unzulänglichkeit.

Seneca (4 v. Chr. bis 65 n. Chr.) bekannte in seiner Schrift „Das glückliche Leben“: „Glücklich leben ist der Wunsch aller Menschen, ja ein natürliches Verlangen, aber die Befriedigung dieses Verlangens ist fragwürdig, es fehlt die Einsicht, wodurch man glücklich wird!”

Sein Zeitgenosse Epiktet (50 – 138 n.Chr.) suchte das Glück des einfachen Lebens. „Suche dein Glück nur in dem, was Gott in deine Gewalt gegeben hat.”

Der holländische Philosoph Spinoza (1632 – 77) stellte sich auch die Frage: „Wie muss man leben um glücklich zu werden?“ Er suchte das Glück in der Liebe zum Gedachten! Auch er erkennt: „Natürlich möchten alle Menschen glücklich sein, nur sind sie nicht fähig oder machen sich nicht die Mühe, das Glück zu finden!”

In einer römischen Enzyklopädie im 1. Jhd. n. Chr. (Varro) fand man bereits 288 Lehrmeinungen über den Glücksbegriff.

Eine solche Lehrmeinung oder Definition neuerer Art lautet etwa so: „seelisch gehobener Zustand, der sich aus der Erfüllung der Wünsche ergibt, die den Menschen wesentlich sind, sie können bei jedem anders sein, sie können alle Stufen vom Sinnlichen bis zum rein Geistigen durchlaufen!“

Eine viel einfachere u. volkstümlichere Definition heißt: „Glück ist immer das, was man nicht hat!” (worin auch ein Quäntchen Wahrheit sein möge). Man kann es auch umkehren und sagen: „Was die meisten haben, macht sie selten glücklich!”

Jugend, Freiheit, Gesundheit und solcher Güter mehr werden wir nicht inne, solange wir sie besitzen! Erst nach dem Verlust dieser, merken wir, was sie für unser Glück bedeuteten!

Wenn aber das, was man nicht hat einen besonders harten Verzicht darstellt, wächst die Sehnsucht danach unermesslich. In diesem Zusammenhang sei auf die Paradiesvorstellung des Koran hingewiesen! Er beschreibt anschaulich, (78 Sure) was die Gläubigen der Wüste, die meist nur Hitze und Durst kennen, im Garten der Ewigkeit zu erwarten haben: „sprudelnde Wasser und schattige Bäume, köstliche Früchte schwarzäugige Jungfrauen mit schwellenden Brüsten immer nur volle Becher reichend usw.”

Unsere Kultur-Vorfahren im klassischen Hellas waren unübertroffen in der Verbildlichung abstrakter Beg­riffe (Allegorie). In der Mythologie der Griechen fehlt natürlich auch nicht die Ver­sinnbildlichung des Glücks. Sie ist als eine Göttin (Tochter des Zeus) dargestellt und wurde bei den Griechen TYCHÉ genannt. Von den Römern wurde sie als FORTUNA übernommen. Dieser Name hat sich bis heute erhalten.

TYCHÉ war jedoch nicht nur Glücksgöttin, sondern auch Schicksalsgöttin. Daher auch ihre Kennzeichen: das Ruder. Es zeigt ihre lenkende Kraft, sie die Tyche ist die Steuerin (Kyberneterna) welche das Steuerruder des Lebens führt. Auf einer Kugel wird sie dargestellt, deren rollende Bewegung den schnellen Wechsel zeigt! Im rechten Arm hält sie das Füllhorn aus dem sie segnende Gaben spendet. Das Füllhorn ist das Sinnbild des Reichtums und Überflusses! Diese sehr launische und unbeständige Glücksgöttin, sie hilft denen, die ihre Lieblinge sind, manche streift sie nur im Fluge, vielen nähert sie sich überhaupt nie. Wenn sie sich aber einem irdischen Menschen nähert, so die Kunde, so soll dieser schnell die Gelegenheit wahrnehmen und zugreifen, denn ach, wie schnell ist sie wieder entschwunden!

Die an sie glauben oder besser gesagt, abergläubige Menschen, versuchen sie günstig zu stimmen, also zumindest nicht zu verärgern! Gläubig und abergläubig aber waren die Menschen schon immer, daran hat sich auch bis heute nichts geändert, denn das magische Verhalten entspringt dem Wesen des Menschen, der ja niemals allein in der rauen Welt der Wirklichkeit, sondern gar zu gerne im Lande der Träume, Wünsche und der Sehnsucht sich ergeht. Die Griechen meinten, einen Sterblichen, der glücklich ist, gibt es nicht. Es sei denn, er wird in den Stand der Götter erhoben! Sie fürchteten sich daher vor zuviel Glück – weil es den Neid der Götter herausfordern könnte. Diese Furcht vor dem Neid der Götter hat Schiller in seinem Gedicht „Der Ring des Polykrates“ (Herrscher von Samos) beschrieben.

An jener Stelle heißt es sehr treffend:

Er stand auf seines Daches Zinnen,
er schaute mit vergnügten Sinnen
auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir untertänig,“
begann er, zu Ägyptens König,
„gestehe, dass ich glücklich bin!“

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen:
„Fürwahr, ich muss dich glücklich schätzen,“
doch spricht er: „zittere ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide,
des Lebens ungetrübte Freude
ward keinem Irdischen zuteil.”

„Drum willst du dich vor Leid bewahren,
so flehe zu den Unsichtbaren,
dass sie zum Glück den Schmerz verleihen,
noch keinen sah ich glücklich enden,
auf den mit immer vollen Händen
die Götter ihre Gaben streun.“

Etwas von der abergläubischen Furcht hat sich auch bis heute erhalten. Man hört doch zuweilen da oder dort: „Uns geht es gut, hoffentlich kommt nicht ein Schicksalsschlag“; oder manch einer, nach seinem Wohlbefinden befragt, klopft zufrieden 3 mal aufs Hölzchen oder sagt: „Toi-Toi-Toi“.

Der moderne Aberglaube will auch die Dame Fortuna nicht vergrämen! An Stelle Fortunas ist weit verbreitet der Talisman in Form von Glücksklee, Glücksschwein, Schornsteinfeger und dergleichen getreten und bei gegebenen Anlässen, besonders zum Jahreswechsel werden diese Attribute des Glücks sehr strapaziert.

Unser großer Emanuel Kant (1724-1804) hat es abgelehnt über das Glück eine Aussage zu machen, weil er in dieser Aussage keinen praktischen Sinn sah und weil, wie er meint, die Glückseligkeit von Mensch zu Mensch veränderlich auffassbar ist. Er gab zu, dass der Mensch danach strebe glücklich zu sein, wonach er aber streben sollte, sei etwas anders, nämlich des Glücklichseins würdig zu werden!

Anthropologen und Naturwissenschaftler unserer Zeit behaupten: für einen naturwissenschaftlich denkenden Menschen gäbe es kein „Glück”. Es gibt vielleicht mehr oder weniger glückliche Menschen und diese sind gekenn­zeichnet durch ihren Gesichtsausdruck. Ein glücklicher Mensch lacht oder lächelt zumindest. Sein Glücklichsein steht ihm, wie man sagt, ins Gesicht geschrieben.

Nun haben viele Menschen unserer Zeit eine Lebensweise, ein Lebensniveau erreicht, wovon frühere Generationen nur geträumt haben und was für diese schon Glücksziel bedeutet hätte. Man kann aber schwerlich sagen, dass zu den Kennzeichen unserer heutigen Zeit glückliche Gesichter gehören (wovon Sie sich selbst allerwärts überzeugen können). Im Gegenteil, man könnte eher meinen, dass es mit dem Glücklichsein da einige Schwierigkeiten zu geben scheint. Was sich in den Gesichtern vieler spiegelt ist mehr Sorge als Heiterkeit, mehr Verbissenheit als entspannte Fröhlichkeit, mehr Traurigkeit und Kummer als Glück. Die Aussichten auf ein sinnerfülltes menschlicheres Leben scheinen trotz aller Fortschritte noch sehr fern zu liegen.

Viele Menschen der älteren Generation geben zu, dass es ihnen heute materiell viel besser geht (fasst alle mussten Leid und Not und oft den Kampf ums nackte Dasein über sich ergehen lassen). Sie fühlen sich aber heute vereinsamt und unverstanden und verunsichert und fliehen aus der unbefriedigenden Wirklichkeit in die verklärte Erinnerung jener Zeiten, wo noch mehr Menschlichkeit Vorrang hatte! Aber auch viele der jungen Generation, die mit Wohlstand gesegnet sind, sind mit den Gegebenheiten der Gegenwart recht unzufrieden.

Auf das Zitat „Glücklichsein sei das Privileg der Jugend” entgegnete ein amerikanischer Student: „Ich bin 22 Jahre, besitze einen akademischen Grad, einen luxuriösen Wagen, bin finanziell unabhängig und es steht mir mehr Sex und Prestige zur Verfügung als ich verkraften kann. Was ich mich frage ist nur: Was das alles für einen Sinn haben soll!“

Es ist also ein großes Unbehagen festzustellen; Unbehagen, weil das doch nicht alles sein kann, weil das Leben doch mehr sein müsste, weil man bei diesen Gütern doch unruhig und unerfüllt bleibt. Es stellt sich unwillkürlich die Frage: Ist der Mensch von Natur aus unfähig zum Glück? Steht er sich selbst im Wege?

„Das Unbehagen in der Kultur”, dies ist der Titel eines Buches von Sigmund Freud und darin heißt es: „Die Menschen streben nach Glück, sie wollen glücklich werden und bleiben. Aber dieses Programm ist nicht durchführbar. Alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm. Man möchte sagen: die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“

Dagegen hat es weniger Schwierigkeiten Unglück zu erfahren! Das Leid oder das Unglück (wie man es auch nennen möge), bedroht uns (so S. Freud) von 3 Seiten:

  1. Vom eigenen Körper her, der zu Verfall und Auflösung bestimmt ist, ja sogar Schmerz und Angst nicht entbehren kann.
  2. Von der Außenwelt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstörenden Kräften gegen uns wüten kann! (Erdbeben, Dürre).
  3. Und aus den Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Das Leiden, das aus dieser Quelle stammt empfinden wir schmerzlicher als jenes andere; wir sind geneigt es als eine überflüssige Zutat anzusehen! (Könnten wir uns diesem wenigstens entziehen).

„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren (so Freud weiterhin), dass die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen! Erfolg, Reichtum, Macht für sich erstreben und bei anderen bewundern und die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen.“

Nun könnte man fragen, es muss doch Menschen geben, die das alles erreicht, wonach sie gestrebt haben oder was sich die meisten erträumen; also Erfolg, Reichtum, Macht, Ruhm und erfülltes Leben?!

Wie war es nun bei diesen, mit dem Glücklichsein?

Napoleon, da kann man es kurz machen. In seinen Memoiren steht es: „Er hatte in seinem Leben nur 4 glückliche Tage.” Goethe, ein Liebling der Götter, mit allen Gaben der Natur versehen! Aus „Gespräche mit Goethe“ von Eckermann entnehmen wir: „Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen und ich will mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grund ist es weiter nichts als Mühe und Arbeit gewesen und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt habe! Es war das Wälzen eines Steines, der immer wieder von neuem gehoben sein wollte! Mein eigentliches Glück war mein poetisches Schaffen und Sinn.“ (also 4 Wochen von 3800 Wochen, das war wohl anspruchs- und sinnvoll.)

Bismarck resümierte: „Wenn ich die mehrfachen Minuten wahren Glücks zusammenzähle so kommen wohl nicht mehr als vierundzwanzig Stunden im ganzen heraus.“

Und nun noch ein Schauspieler! In einer Fernsehsendung wurde ein erfolgreicher Hollywood-Filmheld vorgestellt, der Stadt-Cowboy John Travolta. Frage: „Sie haben eine unglaubliche Carriere gemacht, sie haben eine Hazienda, zwei Flugzeuge, Erfolg und Bewunderung von Millionen, von jungen Mädchen werden sie angehimmelt, sind sie glücklich?“

Antwort: „An manchen Tagen ja, an vielen Tagen nein! es kommt auf die Stimmung an, in der ich mich befinde! Ich bin sehr leicht verärgert, ich bin eine empfindliche Natur!“

Die Stimmung und das daraus resultierende Empfinden haben zweifelsohne Einfluss auf das Glücklichsein. Das Glück, das einer hat, und das Glück, das einer empfindet, sind zweierlei!

Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, projiziert sich so A. Carrel, auf den sehr veränderlichen Bildschirm unseres Gemütszustandes. Unsere Sorgen, unsere Freuden, unsere Liebe, unsere Abneigung; der denkende Mensch ist im selben Augenblick glücklich oder unglücklich, aufgeregt oder gelassen!

Je nach Gemütszustand nimmt die Welt ein wechselndes Aussehen an. Natürlich ist unsere Stimmung und Gemütszustand wesentlich von unserem körperlichen Wohlbefinden abhängig. Das Wohlbefinden einer großen Zahl von Menschen in der Welt wird jedoch von Leid, Not und Unglück stark beeinträchtigt. Zieht man solches in Betracht, so müsste man das Glücksverlangen zurückstellen und alles Streben auf Leidverminderung richten!

Schopenhauer (1786‑1860) meinte: „Das Leben sei nicht nach genossenen Freuden, sondern nach den Übeln, denen wir entgangen sind, abzumessen. Glück ist bloß das Aufhören von Leid und Unglück.”

Der hohe Anspruch, der in unserer heutigen Zeit an das Glück gestellt wird, der mit einer umfassenden Sehnsucht des Menschen befrachtet ist, befreit, versöhnt, erlöst und heilt also die Vollendung dessen, was ist! Dieser Anspruch widerspricht eigentlich unserer Wirklichkeit und wird hier nicht zu erfüllen sein! (Prof. Phil. Hommes)

Muss man aber so hohe Ansprüche stellen? Darf von Glück nur geredet werden, wo alles menschliche Verlangen vollkommen gestillt ist? Ist Glück tatsächlich nur bestimmt durch Abwesenheit von Leid und durch Abwesenheit des Negativen?

Es taucht die Frage auf: Von woher ist Glück inhaltlich zu begreifen oder was kann ein Glücklichsein verursachen? Wir sollten hier einmal schlicht unsere eigene Erfahrung befragen! Jeder von uns hat sich schon einmal richtig glücklich gefühlt! Erinnert er sich aber daran, dann bestand der Zustand des Glücklichseins nicht so sehr daraus, dass alle Sorgen behoben und alle Probleme gelöst waren!

Das Wesentliche war vielmehr, dass wir uns inmitten aller Sorgen und Probleme erfüllt und erhoben fanden, bejaht, bestätigt und erfreut! Also das, was das Glück auszeichnet ist gar nicht so sehr die Abwesenheit des Negativen! Es ist die Gegenwart von etwas was uns positiv stimmt. Vom Glück sind wir berührt, wo sich etwas ganz Überzeugendes von der guten, schönen und befriedigenden Seite zeigt! Wo dies geschieht, wo wir dieses erfahren wird es zur Gewissheit: Das Leben ist es wert gelebt zu werden. In diesem ganz elementaren Sinn hat Glück mit Freude am Leben zu tun.

So gesehen ist z.B. Glück auch da, wo sich ein bestimmtes VERLANGEN des Menschen erfüllt (Wünsche erfüllen sich), wo jemand erreicht, was er lange gesucht hat, wo einmal gelingt, was er mit allen Kräften schaffen wollte, wo einer mit dem zusammen sein darf, den er liebt! Oder wo es einem gelingt, andere zu erfreuen und zu beglücken!

Aber Glück ist nicht nur da, wo wir Erfüllung und Verlangen erleben, Glück ist auch da, wo uns etwas zu Teil wird, das uns erfüllt ohne dass wir vorher nach ihm verlangt hätten! Sei es die unerwartete Fülle des Duftes eines Fliederstrauches, der uns bei einem Maienspaziergang umfängt oder die überraschende Zuneigung eines Kindes, das uns anlächelt und seine Heiterkeit auf uns überträgt!

Was uns da zuteilwird, ist wie eine Dreingabe des Lebens, um die wir nicht einmal geworben haben! Und dann gibt es schließlich Glück auch als jene Hochstimmung, die plötzlich und ganz unvermittelt und ohne jeden Anlass in uns aufkommt. Da durchzieht uns ein befreiendes Gefühl und dieses Gefühl gibt allen unseren Regungen und Bewegungen eine eigentümlich heitere Farbe. Es ist etwas von jener Freudigkeit, von der JEAN PAUL einmal sagt, „dass sie wie ein Frühling alle Blüten des Lebens aufschließt!“ Nur Poeten können diese Gefühle in einer erhabenen Sprache und Komponisten in einer bezauberten Musik ausdrücken!

Gustav Großmann: „Ich hatte das Glück, Stunden zu erleben, da war es mir, als ob alles um mich her voll wäre der Lust zu jubeln, zu lachen, zu singen und sich zu freuen; da war mir, als ob ein Stück der unendlichen Seligkeit in mir wäre!”

Der Dichter Marcel Proust beschreibt in seinem Buch: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ einmal die Heimkehr an einem Winternachmittag: „Ich führte, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den folgenden, einen Löffel Tee mit einem kleinen aufgeweichten Stück Madeleine (Sandkuchen) an meine Lippen! In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen. Ich war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, was sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt! Mit einem Schlage waren die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unserer Sinne geworden! Es vollzog sich in mir etwas, was sonst nur die Liebe vermag!“

De Maistre (1790 fr. Philosoph) entzückte sich bei der Betrachtung des gestirnten Himmels: „Obgleich ich die ganze Ohnmacht meines Denkens bei dieser erhabenen Betrachtung fühle, macht es mir doch eine unaussprechliche Freude, mich damit zu beschäftigen. Gern denke ich daran, dass nicht der Zufall es ist, der dieses Leuchten ferner Welten bis zu meinen Augen gelangen lässt, und mit seinem Licht gießt jeder Stern einen Hoffnungsstrahl in mein Herz.“

Solche Zustände überschwänglichen Glücksempfindens, währen nur Augenblicke, oder zuweilen und mit Unterbrechung Stunden oder Tage (J. Stuart Mill).

Goethe reimte: „Ich weiß, dass mir nichts angehört als der Gedanke, der ungestört aus meiner Seele will fließen und jeder günstige Augenblick, den mich ein liebendes Geschick von Grund aus lässt genießen. Während von der Freude gilt, dass sie eigentlich immer einen bestimmten Gegenstand zum Bezug hat, das heißt: Freude über etwas ist, so hat solch eine glückliche Stimmung des Augenblick keinen Gegenstandsbezug. Sie ist vielmehr die Art und Weise wie ich meiner selbst innewerde.“

In solcher Stimmung kommen uns die glücklichsten Erlebnisse wie von selbst entgegen! Wir gewinnen eine neue Nähe zu den Menschen und zu den Dingen um uns! Wir haben plötzlich Freude an der Arbeit und entdecken eine bisher nicht gekannte Sinnhaftigkeit des Lebens!

Wenn wir unter diesen Bedingungen nach dem Glück fragen, so suchen wir doch etwas, das wir aus gutem Grund in dieser Welt erwarten und was uns hier und jetzt erfüllt und nicht erst in der Zukunft, am Ende unseres Lebens oder im Jenseits.

Schon der römische Dichter Horaz (65 v.Chr.) mahnte „Carpe diem!“ (Nutze den Tag) „Pflücke den Tag, pflücke die süßen Trauben, fahre die Ernte ein, krieche vor Glück und Sehnsucht in der Nacht spazieren und lasse keinen Tag verstreichen, ohne ihm ein kleines Loblied an den nachschleppenden Saum zu hängen. Bemächtige dich der halben oder ganzen Stunden des Glücks, die die Götter den meisten Sterblichen gönnen.“

Vieles was wir hier und jetzt als Glück empfinden können wir unserem täglichen Leben abgewinnen. Wir können es im Sehen und Schauen (Karossa) im Essen und Trinken, im Atmen in der Natur und Kunst im Hören von Musik, in Zuneigung und in der Liebe, bei der Arbeit und im Spiel finden. Gemessen an den hochgesetzten Ansprüchen (umfassenden Heilsverlangen) können wir das als sogenanntes kleines Glück bezeichnen!

In Wahrheit ist dieses sogenannte kleine Glück für die meisten das einzig mögliche und es ist da, wo es ist, d.h. für den, der es als Glück empfängt alles andere als klein. „Dicht neben dem Wehe der Welt, und oft auf seinem vulkanischen Boden, hat der Mensch seine kleinen Gärten des Glücks angelegt,“ schreibt Nietzsche, „und mehr Glück gebe es auf Erden, als trübe Augen sehen, wenn man nämlich nur alle jene Momente des Behagens, an welchen jeder Tag in jedem, auch dem bedrängtesten Menschenleben reich ist, nicht vergisst.”

Glück haben und glücklich sein, in unserer Sprache sagen wir einmal, „da habe ich Glück gehabt“ und meinen damit einen erfreulichen Zufall, der sich günstig auf unser Leben auswirkt, sei es ein Lottogewinn oder die Tatsache, dass wir einem Missgeschick entgangen sind. Zum andern sagen wir: „Ich bin glücklich“ oder „Ich möchte glücklich sein“. Dann meinen wir jenen Zustand von dem bisher die Rede war, wo wir uns also erfüllt, bestätigt, erhoben, erfreut fanden!

Glück im Sinne der ersten Bedeutung, im Sinne von Zufall also (Fortuna ist im Spiel) das hat man oder man hat es nicht und wer solches Glück nicht hat, muss deswegen noch nicht unglücklich sein er hat lediglich Pech gehabt (wie man so sagt).

Wann wir aber immer von Glück sprechen im Sinne von „Glücklichsein“, so haben wir zwei verschiedene Momente zu berücksichtigen: Zum einem meint Glück solches, das wir nicht selbst machen können etwas, was außerhalb des Machens, Herstellens liegt und dessen Eintreffen oder Eintreten nicht von uns bestimmt wird! (auch nicht vorgeplant werden kann!). Das was wir als Glück hoffen oder wünschen ist unserer Verfügung entzogen, wir haben darüber keine Gewalt!

Zum anderen gehen wir vom Glücklichsein wohl auch davon aus, dass solches zumindest auch an uns selbst liegt, ja dass sich die Empfänglichkeit für Glück einüben lässt und dass wir sehr wohl etwas dazu tun können, ja sogar sollen.

Vermerk: in seinem Buch „Die Pflicht glücklich zu sein“, schreibt Alain (fr. Esayist 1860) „Auf allen Schulen müsste es Unterricht geben in der Kunst, glücklich zu sein. Nicht in der Kunst, glücklich zu sein, wenn einem das Unglück beim Wickel hat: Das überlassen wir den Stoikern; vielmehr in der Kunst glücklich zu sein, wenn die Umstände erträglich sind und die Bitternisse des Lebens sich auf Kleinigkeiten beschränken.“

In einer Zeitepoche wie heute, in der der materielle Erfolg von überragendem Wert ist, ist es nicht überraschend, wenn das Glücksverlangen gleichen Grundsätzen folgt und sich fast ausschließlich im Habensbereich abspielt. Man fragt daher in unserer auf Leistung und Wettbewerb bezogenen Gesellschaft nach dem Glück nicht so sehr, als nach etwas, was ist, sondern nimmt in der Regel Glück als etwas, was es zu erjagen gilt, das man sich verschaffen kann, um das man kämpfen und rennen muss und zwar so, dass man möglichst noch vor den anderen am Ziel ist oder zumindest erreicht was andere schon haben!

Bei dieser Jagd nach dem Glück bleibt allerdings dabei unbeachtet, dass das sogenannte Wohlstandsniveau verschiebbar ist. Sobald das nächst höhere Niveau erreicht ist, wird es nach einiger Zeit zur Selbstverständlichkeit und gleitet wieder zum Normalniveau, von wo aus neu gemessen wird. Dies ist der Grund weshalb jede Aufwandsklasse nur die nächst höhere beneidet.

Hinzu kommt: Je mehr wir uns auf all die Güter, die wir in der Tat erarbeiten und erwirtschaften können, ausrichten, desto mehr liefern wir uns Regeln und Zwängen aus, die in diesen Bereichen herrschen und verlieren dabei jene Freiheit, die wir im Umgang mit solchen Dingen brauchen. Sollten sie wirklich Güter des Glücks sein? Ständig ist dann noch nach einem Weiteren zu jagen, das uns zu unserem Glück zu fehlen scheint und während wir auch hierauf noch die ganze Kraft und Zeit lenken, zerrinnen unsere Glückschancen zwischen den Fingern. Glückschancen, die im dem liegen, was wir schon haben und was wir sind.

Dennoch gibt es zum Erwerb und im Besitz von materiellen Gütern auch eine positive Komponente, es wäre ungerecht dieses zu unterschlagen. Die meisten Menschen beziehen die Annehmlichkeiten und zum Teil Erleichterungen des technischen Fortschrittes mit gutem Grund zuletzt auf sich selbst und auf die Umstände ihres eigenen Lebens. Und bei allen Bedenken wegen neuer Abhängigkeit, in die sie dabei unweigerlich geraten, halten sie es doch in Hinblick auf mögliches Glück unstreitbar besser, diese materiellen Güter zu haben, als sie nicht zu haben, das heißt doch z.B., ein komfortables Haus inmitten grüner Natur zu bewohnen, eine gepflegte Wohnungseinrichtung, ein schönes Bild an der Wand zu haben. Die 5-te Symphonie stereophonisch zu hören, angenehmer zu reisen und vieles andere mehr. Über das alles zu verfügen bedeutet zumindest auch mehr Chancen für Glück, als wenn ich solches entbehre. Soll aber das, worauf wir gemeinhin die meiste Energie aufwenden, soll Haus, Garten auch der Beruf, das Zusammensein mit anderen Menschen, soll all dieses etwas mit unserem Glück zu tun haben? So verlangt es mehr als nur bloße Anschaffung! Nicht im Besitz und Verfügung liegt das Glück, sondern in dem, wozu solches uns verhilft.

Was immer wir erarbeiten und beschaffen, um damit und daraus zu leben, entscheidend bleibt, worin das so ermöglichte Leben dann selbst besteht. Letzten Endes liegt es wahrscheinlich an uns selbst dafür zu sorgen, dass uns Empfänglichkeit für Glück erhalten bleibt, dass wir für diesen einen Blick haben und dieser Blick sich nicht verhängnisvoll verschließt!

Zum Schluss unserer Betrachtungen komme ich wieder zum Ausgangspunkt! Die „Frage nach dem Glück” haben wir vielseitig behandeln aber nicht endgültig beantworten können! Glück ist zu vielschichtig, wie das Seelenleben dynamisch, nicht fassbar und festhaltbar, ein sich immerfort änderndes, ein episodisches Phänomen, und schließlich etwas, auf jeden Einzelnen von uns Bezogenes. Wer vom Glück spricht, meint damit „sein Glück”, das es nur für ihn gibt. Mein Glück kann nur meine Schöpfung sein, die mir niemand abnehmen kann. Jeder ist der Anlage nach eine neue Variante des Glücks (L. Marcuse).

Es ist daher töricht sein Glück nachahmen oder nach anderen ausrichten zu wollen. Es gibt hier keine Rezepte und keinen Rat, der für alle taugt! Jeder muss schon selbst herausfinden, auf welche Weise er glücklich werden kann („Jeder ist seines Glückes Schmied“). Es ist daher auch unsinnig, jemanden „sein“ Glück aufzwingen zu wollen, weil dies sofort der Freiheitsstruktur des Glücks widerspricht! Jener Weise, der sagte: „Das Vorhaben glücklich zu werden sei nicht zu erfüllen,“ sagte aber auch: „Und doch darf man die Bemühungen es irgendwie der Erfüllung näher zu bringen nicht aufgeben!“

Gibt es den glücklichen Menschen

Diese Frage möge sich jeder selbst beantworten. Bertrand Russell beschreibt ihn so: „Der glückliche Mensch ist derjenige, der die Einheit seines Ichs zu wahren weiß, dessen Persönlichkeit weder in sich selbst gespalten, noch gegen die Außenwelt feindlich gesinnt ist. Ein solcher Mensch fühlt sich als Bürger des Alls, der ohne Hemmung das Schauspiel, das es bietet, und die Freuden, die es schenkt, genießen kann. Unbekümmert von den Gedanken an den Tod, weil er sich von denen, die nach ihm kommen, nicht wirklich getrennt fühlt. In solch inniger Vereinigung mit dem Strom des Lebens vollzieht sich die tiefste Beglückung, die wir finden können!“

 

Quellenangabe:

H.J. Störing,           “Geschichte der Philosophie”

  1. Russell,            “Eroberung des Glücks”

Carrel,                    Tagebuch eines Lebens”

Schopenhauer,       “Parerga u. Aphorismen”

  1. Freud,               “Das Unbehagen in der Kultur”

„Koran“

  1. Schneider,          “Glück was ist das? “

F.G. Jünger,           ” Glück und Unglück ”

  1. Hommes,         “Schwierigkeiten mit dem Glück”